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Russland und Europa - akute Gefahr oder nur Hysterie?

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Russlands Militär steckt in der Ukraine fest, gleichzeitig wächst die Angst vor einem Angriff auf die Nato. Doch das ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Auch wenn Europa dies am liebsten verdrängt: Putin sieht sich im Krieg mit dem gesamten Westen.

Illustration Simon Tanner / NZZ

Europa ist in diesem Spätsommer gründlich durchgeschüttelt worden. Es jagen sich die Berichte über Verletzungen des Nato-Luftraums durch Russland, über mysteriöse Sabotageakte oder Brandanschläge mit Spuren nach Moskau. Politiker beschwören die Wehrhaftigkeit Europas, Generäle beklagen die Lücken in ihren Arsenalen, Experten spielen allerlei Kriegsszenarien durch. Ein russischer Überfall auf Nato-Gebiet sei schon ab diesem Herbst möglich, lassen amerikanische Geheimdienste durchsickern. Gleichzeitig zeigt Russlands Armee im Osten der Ukraine ihre Unfähigkeit, mehr als nur ein paar Meter pro Tag vorzurücken.

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Welchen Reim soll man sich auf diese widersprüchlichen Nachrichten machen? Wird hier wieder einmal eine Hysterie entfacht, womöglich im monetären Eigeninteresse der Rüstungsindustrie, während man so manchen Drohnenüberflug viel gelassener nehmen könnte? Das wäre sicher der falsche Schluss, aber ein ungutes Gefühl bleibt angesichts der Kakofonie von Warnungen. Denn darin vermischen sich seriöse Erkenntnisse mit wilden Spekulationen. Letztere schüren eher Angst, als dass sie politische Tatkraft hervorbrächten. Sie spielen letztlich dem Kreml in die Hände, der auf die Verunsicherung der europäischen Gesellschaften abzielt.

Beispielsweise nützt es nur Moskau, wenn Politiker das Schreckgespenst eines russischen Atomwaffeneinsatzes bemühen. Wenig hilfreich ist auch, dass der deutsche Auslandnachrichtendienst schon vor längerem 2029 zum Schlüsseljahr erklärt hat, ab dem Russland zu einem Angriff auf Nato-Gebiet bereit sein könnte. Ohne näheren Kontext sind solche Prognosen irreführend. Ehrlicher wäre es, dem Publikum einzugestehen, dass solche Einschätzungen auf vielen Annahmen und wenig gesichertem Wissen beruhen. Je nach Umständen kann der russische Staatschef Putin eine neue militärische Front schon vor 2029 eröffnen oder, abhängig von der Entwicklung in der Ukraine, dazu selbst später ausserstande sein.

Moskau verfolgt eine klare Strategie

Putin ist trotz seiner Machtobsession kein Wahnsinniger, sondern folgt einem nüchternen Kalkül. Das zeigt sich auch bei den jüngsten Geheimdienstaktionen auf EU-Gebiet. Die Sprengstoffdrohnen am Flughafen Leipzig und die wahrscheinlich von Moskau in Auftrag gegebenen Anschläge auf Rüstungsbetriebe in Bayern, Bulgarien, Estland, Polen und in der Slowakei - alle innerhalb weniger Wochen - passen in eine Strategie, aus der Moskau kein Geheimnis macht: Es geht darum, die Versorgung der Ukraine mit Rüstungsgütern zu behindern. Zugleich versucht Russland mit dieser Sabotagekampagne, den Europäern einen höheren Preis für ihre Unterstützung Kiews aufzuerlegen.

Überraschen sollte dies niemanden. Denn die Ukraine verfolgt gegenüber Russland genau dasselbe Ziel, indem sie mit Drohnen und Marschflugkörpern Rüstungsbetriebe im feindlichen Hinterland angreift. Aus russischer Sicht liegt das logistische Hinterland der Ukraine in Mittel- und Westeuropa - dass der Kreml auch dort kriegswichtige Ziele ins Visier nimmt, entspricht einer gewissen Logik. Putin versucht allerdings, das Risiko in Grenzen zu halten, indem er auf Nato-Gebiet nur einen verdeckten Krieg führt und jede Verantwortung für die Vorfälle abstreitet.

Solange der Westen dieser Kampagne nur zuschaut, lädt er Moskau geradezu ein, sie fortzusetzen und auszuweiten. Die deutsche Regierung hat nach der Beinahe-Katastrophe in Leipzig zwar Russland als Schuldigen an den Pranger gestellt, aber dem Aggressor keine roten Linien aufgezeigt. Berlin schloss ein russisches Konsulat und ein Kulturzentrum, was Moskau sofort mit spiegelbildlichen Gegensanktionen vergalt. Das deutsche Vorgehen dürfte niemandem im Kreml schlaflose Nächte bereitet haben.

Überzeugender wäre eine Politik, die jeden russischen Übergriff auf Nato-Gebiet mit einer Steigerung der Ukraine-Hilfe beantwortet. Die Regierung Merz hat nie plausibel dargelegt, weshalb sie anders als Frankreich und Grossbritannien den Ukrainern keine Marschflugkörper zur Verfügung stellt. Sie sollte mit der Lieferung des Taurus zumindest drohen und die seit Jahren ruhende Produktion dieser Präzisionswaffe schnellstmöglich wieder aufnehmen.

Die falschen Signale

Aber auch andere westliche Verbündete senden Signale der Unschlüssigkeit aus. Frankreich hat diese Woche aus nationalem Egoismus die Aufhebung der EU-Sanktionen gegen zwei Kreml-nahe Geschäftsleute durchgesetzt. Die USA wiederum schickten im August ihren CIA-Direktor Ratcliffe nach Moskau, angeblich mit der «Warnung», dass Russland kein Nato-Gebiet angreifen solle. Überzeugend wirkte dies nicht, denn Präsident Trump behandelt Russland weiterhin überaus pfleglich. Er hat den Kriegsverbrecher Putin zum bevorstehenden G-20-Gipfel nach Florida eingeladen und macht keine Anstalten, das vom Kongress beschlossene Sanktionsgesetz gegen Russland rigoros anzuwenden. Stattdessen beschuldigt er die Ukraine, mit ihren Angriffen auf russische Raffinerien die hohen Dieselpreise in den USA verursacht zu haben.

Angesichts der westlichen Widersprüchlichkeit ist damit zu rechnen, dass Russland unterhalb der Schwelle zum offenen Krieg laufend neue Angriffe verüben wird. Oder dienen diese nur als Vorspiel zu einer Eskalation, in der aus dem Schattenkrieg eine direkte militärische Konfrontation mit der Nato wird - ein russischer Überfall auf die ehemals sowjetischen Republiken im Baltikum?

Kurz- und mittelfristig spricht vieles gegen ein solches Szenario. Hinweise auf entsprechende Truppenverschiebungen fehlen völlig. Putins Armee steckt in der Ukraine fest und zeigt dort offenkundige Schwächen. Belastet durch hohe Kriegskosten, versinkt der russische Staatshaushalt in tiefroten Zahlen. Wenn Russland schon jetzt an den Rand der Erschöpfung kommt, wäre ein Frontalangriff auf Nato-Territorium wahnwitzig - so mag es zumindest erscheinen.

In Wirklichkeit kann sich der Rest Europas keineswegs in Sicherheit wiegen. Es wäre ein Fehlschluss, sich unter einer russischen Offensive im Baltikum etwas Ähnliches wie die verzettelten Kleinangriffe schlecht ausgerüsteter Infanteristen im Donbass vorzustellen. Der Kreml würde nicht auf einen langwierigen Abnützungskrieg setzen wie gegen die Ukraine, sondern auf die blitzartige Besetzung strategischer Schlüsselpunkte im Ostseeraum. Diese Gefahr ist real, denn anders als die Ukrainer beherrschen die Nato-Armeen den modernen Drohnenkampf noch nicht.

Russlands militärischer Vorteil

In den Todeszonen des Donbass sterben die russischen Angreifer wie Fliegen und geraten Panzerfahrzeuge sofort unter Beschuss, weil ukrainische Aufklärungsdrohnen jede Bewegung entdecken und Kamikazedrohnen punktgenaue Gegenschläge ausführen. Im Baltikum dagegen hätten die Russen eine Chance, grössere Territorien zu besetzen, bevor die Allianz Verstärkung herbeischaffen könnte. Die schmale Suwalki-Lücke, die einzige Landverbindung des Baltikums zum übrigen Nato-Gebiet, können Russlands Drohnentruppen aus der Luft abriegeln. Militärische Simulationen haben wiederholt gezeigt, dass eine im Drohnenkrieg geübte Invasionsarmee herkömmliche Nato-Einheiten rasch ausser Gefecht setzen kann.

Trotz kolossalen Verlusten - schätzungsweise 400 000 Todesopfern - sind Russlands Streitkräfte heute grösser als zu Beginn des Ukraine-Krieges. Deutlich gesteigert hat Moskau auch die Produktion von Marschflugkörpern und ballistischen Raketen, gegen die die Nato-Staaten nur ungenügende Abwehrmittel haben. Hinzu kommen neuartige Präzisionswaffen wie die monatlich bereits tausendfach hergestellten Geran-Drohnen mit Düsentriebwerken. Sie könnten auf Nato-Basen ähnlichen Schrecken verbreiten wie ihre iranischen Vorgängermodelle dieses Jahr auf amerikanischen Stützpunkten am Golf.

Das im Ukraine-Krieg entstandene Bild einer ausgelaugten russischen Soldateska trügt deshalb. Auf einem anderen Blatt steht, ob Putin das Wagnis eines offenen Krieges mit der Nato eingehen würde. Ein erfolgreicher Vorstoss im Baltikum böte ihm die Chance, das westliche Bündnis als Papiertiger zu entlarven, die Sicherheitsarchitektur Europas zu demontieren und Russland als Machtfaktor in Mitteleuropa zu etablieren. Aber eines wird ihn hindern: Solange die Ukraine Widerstand leistet, kann der Kreml keine grösseren Truppenverbände an andere Fronten verschieben. Das leidgeprüfte Land ist heute Europas wichtigster Schutzschild.

Schon aus purem Eigeninteresse muss der Westen die Ukraine in ihrem Abwehrkampf unterstützen - mehr denn je. Dies verschafft dem Rest des Kontinents wertvolle Zeit, um seine Armeen zu modernisieren. Denn sollte der Kreml dereinst in einen Waffenstillstand in der Ukraine einwilligen, brächte dies Europa keinen echten Frieden. An der Nato-Ostflanke könnte die Gefahr vielmehr sprunghaft ansteigen. Solange sich das Putin-Regime an der Macht hält, wird Russland seinen aggressiven Charakter nicht ablegen. Auf diese Realität muss sich ganz Europa einstellen - ohne Alarmismus, aber mit Entschlossenheit.

Etienne Schön

vor 26 Minuten

1 Empfehlung

Oft wird gesagt, um des Friedens Willen müsse die Ukraine nun halt etwas Gebiet an die Russen abtreten, also Krim und Donbas. Da frage ich mich immer, ob es statt der Krim und des Dobas bei Schweizer Kommentierenden nicht Graubünden und das Tessin oder bei Deuschen Meck-Pom oder Sachsen-Anhalt sein dürften ... das würde Putin sicher auch nicht ablehnen, aber es zeigt die Absurdität solcher Aussagen/Forderungen!

ALDO WICKI

vor 29 Minuten

Und die schweizerische Politik, zwischen Wohlstandsverwahrlosung, Ignoranz, Fakten-, Realitäts- und Pflichtverweigerung , schaut weg (das geht uns ja alles nichts an), schläft (man diskutiert seit Jahren, ob man vielleicht handeln sollte, oder doch nicht) oder folgt blinder Ideologie (z.B. Armeeabschaffung im Parteibuch)!

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