Original source (on modern site) | Article images: [1] [2]
Die russischen Regionen kämpfen mit wachsenden Bärenpopulationen - und greifen zu verzweifelten Massnahmen. Jana Kehl26.09.2026, 05.30 Uhr Yuri Smityuk / Imago Der Bär steht in Russland für Stärke, Grösse, auch für Gutherzigkeit. Er ist ein Nationalsymbol, das sich auch der Kreml immer wieder zu eigen macht. Der Bär prangt auf dem Emblem der Regierungspartei Einiges Russland. Von Präsident Wladimir Putin, der in einer berühmten Fotocollage mit nacktem Oberkörper auf dem Tier sitzt, wurde er 2014 als «Herr der Taiga» bezeichnet. Seinen Wald werde der Bär niemand anderem überlassen, merkte Putin an und suggerierte am politischen Forum in der Stadt Waldai: Standhaft wie das Waldtier ist auch Russland. NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan. Bitte passen Sie die Einstellungen an. Und doch ist der Bär in diesen Tagen weniger ein Nationalsymbol als eine Gefahr für die Bevölkerung. Die Angriffe auf Menschen häufen sich derzeit. Der jüngste ereignete sich Anfang Woche in Tuwa. Alexander Kusmenko war von Moskau in die südrussische Provinz nahe der mongolischen Grenze gereist, um Fische zu fangen. Der Mann und weitere sechs Personen fuhren auf einem Boot den Grossen Jenissei entlang, bei einem abgelegenen Angelplatz schlugen sie ihr Nachtlager auf. Doch nur wenige Stunden später riefen sie über ein Satellitentelefon nach Hilfe - ein Bär habe die Gruppe aus dem dichten Wald angegriffen, Kusmenko sei dabei verletzt worden. Hilfe bekamen sie aber erst nach vier Stunden. Der 62-Jährige erlag seinen Verletzungen. Auch internationale Medien berichteten vom Unglück. Denn der Verstorbene ist der Vater von Andrei Kusmenko, einem bekannten Eishockeyspieler, der jüngst einen Fünf-Millionen-Vertrag bei den Pittsburgh Penguins unterschrieben hat. Der amerikanische Klub teilte am Donnerstag mit, dass Kusmenko wegen des Todes seines Vaters vorerst nicht spielen werde. Neben Alexander Kusmenko wurden laut russischen Medienberichten allein in Sibirien und im fernen Osten des Landes mindestens sechzehn weitere Personen in diesem Jahr von einem Bären getötet. Zu den Opfern gehören etwa zwei Rentnerinnen, die Pilze sammelten, zwei Männer, die Beeren pflückten, eine junge Frau, die mit ihrem Verlobten in einem Zelt übernachtete, ein Landwirt, der seine Kuh suchte, und seine zwei Nachbarn. Die beiden suchten nach dem Landwirt und wurden selbst vom Bären angegriffen. Der Grossteil dieser Fälle ereignete sich in diesem Monat. Russlands Umweltministerium zeigt sich jedoch nicht beunruhigt. Tödliche Angriffe würden immer wieder registriert, sagte eine Sprecherin gegenüber einem russischen Radiosender - sie gehörten dazu, seit Menschen in der Nähe von Wäldern lebten, in denen es Bären gebe. Jährlich verzeichne man im Schnitt zwischen zwanzig und dreissig Angriffe. Im Jahr 2014 seien es sogar über hundert gewesen. Die vielen Vorfälle im September erklären Biologen damit, dass die Bären nun vor dem Winterschlaf auf Nahrungssuche seien. Die Bären fänden diese auf einfachem Weg in der Nähe von Wohngebieten, etwa in offenen Müllcontainern. In freier Wildbahn sei die Suche schwieriger. Aufgrund des trockenen Frühlings hätten die Tiere kaum Pilze, Beeren und andere Wildpflanzen gefunden. Trotzdem drohen die Bären zum Politikum zu werden - wenn auch nur oberflächlich, zumal in Russland keine politische Opposition mehr zugelassen ist. In den sozialen Netzwerken kursieren Szenen, in denen sich die Tiere in Wohngebieten aufhalten und sogar in Städten gesichtet werden. Auch Vorwürfe wurden nach den Tragödien dieser Wochen laut. Die Menschen hätten Angst, ihre Häuser zu verlassen, betonte die betroffene Bevölkerung. Die Behörden riefen lediglich dazu auf, nicht in den Wald zu gehen und sich nicht auf den Strassen aufzuhalten. Mittlerweile haben viele Regionen, Bezirke und Städte reagiert - und den Ausnahmezustand ausgerufen. Waldgebiete sind gesperrt, Ausgangsverbote verhängt, öffentliche Anlässe teilweise abgesagt. In der Region Burjatien hat eine Schule laut Berichten auf Fernunterricht umgestellt. Ob das Problem damit gelöst ist, lässt sich anzweifeln. Denn die Zahlen des Umweltministeriums zeigen: Die russische Bärenpopulation wächst. In diesem Jahr zählt Russland etwas mehr als 300 000 Braunbären. 1990 waren es noch rund 130 000. Dieses Wachstum ist laut Berichten mitunter darauf zurückzuführen, dass die Jagdquoten vielerorts nicht erfüllt werden. In der sibirischen Region Krasnojarsk, wo in diesem Monat sechs Personen von Bären getötet wurden, hat das nun strafrechtliche Konsequenzen. Der staatliche Ermittlungsausschuss hat festgestellt, dass die lokalen Behörden «trotz zahlreichen Warnungen» keine Massnahmen zur Regulierung der Bestände beschlossen hätten - obwohl ihnen diese Aufgabe föderal übertragen worden sei. Während die Ermittlungen wegen mutmasslicher Fahrlässigkeit laufen, haben die Krasnojarsker Behörden erste Massnahmen getroffen: Jeder Jäger erhält neu eine Prämie von 36 500 Rubel - etwa 360 Franken - für einen erlegten Bären. Die Jagdsaison hat damit in Russlands Regionen begonnen.Ein Kragenbär in einem russischen Wald im Juni: Weil sich die Waldtiere in Siedlungsgebiete ausbreiten, haben einige Regionen in Russland den Ausnahmezustand verhängt.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
Fernunterricht und abgesagte Anlässe
Die russische Bärenpopulation wächst